Wuchtig & Verwegen

Anne St. Marie, par Tom Palumbo.

Anne St. Marie, par Tom Palumbo.

Unabhängige Männer, mit mut zur eigenen Note. Ziehen seltene düfte auf basis natürlicher ingredienzien kommerziellen Parfums vor. Begegnung im universum der Düfte mit Liebhabern und Kreateuren. Myret Zaki.

Betritt Blaise-Alexandre Le Comte die Parfümerie Théodora, nimmt ein Abenteuer seinen Anfang. Vielleicht wird er einen neuen Duft, eine neue Geschischte kennenlernen. «Für neugierrige Nasen sind der Aufenthalt in einer Parfümerie und das Erschnuppern unbekannter Düfte ein aufregendes Vergnügen», betont der elegante Genfer und Sammler sogenannter Nischendüfte. Diese sind die Spezialität der Boutique Théodora an der Grand-Rue 38 im Herzen der Genfer Altstadt. Der Duftentdecker betastet die Flacons, hält inne bei Cologne bigarade, einem hesperidischen Duft, dann bei Carnal flower, basierend auf sinnlicher Tuberose. Beide Parfums sind Kreationen von Éditions de parfums Frédéric Malle.

Weniger kommerzielle Düfte sind im Trend
Dann besprüht er eine Mouillette, riecht konzentriert daran une legt den Papierstreifen sorgfältig in seinem Notizbuch ab. Später wird er darauf zurückgreifen. Manche Parfums beschnuppert er zum dritten, vierten Mal, der Duft lässt ihn nicht mehr los, und schliesslich wird er ihm erliegen. Seine Abenteuer und spannenden Duftgeschichten beschreibt er in einem Blog. Manchmal braucht es zehn, zwanzig Anläufe, bis er sich schliesslich für ein Parfum entscheidet. Um die Nase auszulüften, empfiehlt es sich, an einer mit Kaffeebohnen gefüllten Tasse zu riechen. Dann kann die Degustation weitergehen.

Blaise-Alexandre Le Comte ist kategorisch, für ihn gibt es ausschliesslich Nischenparfums: «Solche Düfte sind authentische Kreationen des Parfümeurs, sie müssen also nicht einem möglischst breiten Publikum gefallen, sie sind das Ergebnis der Arbeit mit eleganten Rohstoffen. Man wird Anhänger - oder eben nicht - des Universums eines bestimmten Kreateurs», erklärt der Perfumista, der seine Freizeit damit verbringt, Düfte zu zuchen und ensprechende Blogs ausfindig zu machen. Serge Lutens, Parfum d'Empire, Parfumerie générale, État libre d'Orange sind etwa die Marken der Duftinsider, die immer auf der Suche nach authentischen, weniger kommerziellen Düften sind.

Während langer Zeit benutzte Blaise-Alexandre Le Comte überhaupt kein Parfum, da er die Massenprodukte als «banal» und zu sauber riechend einstufte. Eines Tages stiess ihn der Zufall auf Chypre rouge, einen Dufte von Serge Lutens. «Es war eine Offenbarung»! Sie machte ihn auf Anhieb zum Fan seltener, schöner Düfte, mit denen er sich jeden Morgen und auch am Abend von Kopf bis Fuss, inklusive Haare, besprüht. Seine Präferenzen sind ledrige une holzige Aromen sowie orientalische Gewürze. Wuchtige Odeurs also, die aufallen.

Im Laufe seiner Karriere als Parfumliebhaber hat sich Blaise-Alexandre Le Comte eine Kollektion mit Dutzenden Flacons angelegt. So gönnte er sich kürzlich die aus dem Jahr 1919 stammende Version Tabac blond von Caron, «um die Originalformel zu riechen».

Wegbereiter Serge Lutens
Er und Mitpassionierte bezeichnen als ihre Lieblingsmarke Serge Lutens. Für sie ist es geradezu Kult, sich mit den Düften des in Marrakesch lebenden Pariser Parfümeurs zu schmücken. Der Komponist seltener Düfte schaut auf eine beeindruckende Künstlerlaufbahn zurück. «Nachdem er für grosse Marken wie Shiseido gearbeitet hatte, begann er in den Neunzigerjahren, seine eigene Handschrift durchzusetzen», erzählt Sylvie Raphoz, schon in jungen Jahren passionnierte Parfumliebhaberin. «Heute wird er als der Wegebereiter angesehen, denn er war der Erste, der begonnen hatte, verschiedenste Düfte zu erforschen und zu komponieren». Seine erste Kreation, Féminité du bois, war eine Hommage an die Atlaszeder und sollte die Welt der Parfümerie revolutionieren.

Als «Orientalist» bezeichnet, spezialisierte sich Serge Lutens auf würzige, honigtönige, holzige Noten. «Der Erfolg stellte sich sehr schnell ein», erzählt die Besitzerin von rund 60 Parfums. «Er profitierte von der wachsenden Nachfrage nach natürlichen Düften, gemixt aus edlen Rohstoffen - Holz, Harze - une ohne die in den Achtzigerjahren typischen süsslichen Ingredienzien». Wobei darauf hingewiesen werden muss, dass selbst Nischenparfums mit einem hohen Anteil an natürlichen Stoffen nicht ohne Syntheseprodukte auskommen, weil beispielsweise natürlicher Moschus oder Zibet verboten sind.

Unisex-marken dominieren
Beflügelt vom Erfolg des Nischenparfümeurs begannen grosse Luxusmarken wie Armani, Dior und Chanel, den Meister zu imitieren, und brachten ihrerseits exklusive Parfums in limitierter Auflage auf den Markt. Wer das Universum dieser seltenen Düfte näher kennenlernen möchte, beginnt mit leichten, sinnlichen Parfums wie L'Eau von Serge Lutens, Prelude to love von Kilian oder Iskander de Parfum d'Empire. Einen leicht subversiven Touch verleiht beispielsweise Putain des palaces von État libre d'Orange.

Bei den Nischenparfums wird nicht zwischen Mann und Frau unterschieden. Männer wie Blaise-Alexandre Le Comte fühlen sich in «ihrer männlichen Identität durchaus wohl», haben aber kein Problem, Düfte wie Putain des palaces zu tragen. «Der Moderne Mann scheut nicht mehr davor zurück, eine Parfümerie zu betreten», freut sich Marc-Antoine Corticchiato, Gründer une Kreateur von Parfum d'Empire, fest. Er stellt fest, dass die Männer durchaus offen sind, ihre olfaktive Kultur zu entwickeln.

Damit entspechen sie ganz dem Trend, geschlechterübergreifende Bereiche zu besetzen. Siehe Gastronomie. In der Nischenparfümerie dominieren Unisexprodukte, eine Tendenz, die jetzt auch von den grossen Marken entdeckt wurde und die entsperchende Produkte anbietet. Für Marc-Antoine Corticchiato ist die Unterscheidung in Herren- und Damenparfums lediglich ein Marketingargument. Einer Meinung, der sich der berühmte Serge Lutens absolut anschliesst. Er schreibt dazu: «Es ist schlimm, wenn die Virilität nur gerade vom Parfum abhängt. Es braucht auch keine CD oder Biskuits, die sich exklusiv an Männer bzw. Frauen richten. Ob in der Musik oder bei den Parfums - für mich gibt's nur eine gemeinsame Sensibilität, ein gemeinsamer Geschmack. Das ist alles».

Die neuen Werte der Maskulinität
«Der heutige Mann hat keine Scheu sich zu parfümieren. Auch sind die Zeiten vorbei, als seins Frau den Duft für ihn auswählte», meint Marc-Antoine Corticchiato. Der moderne Mann ist wie die Frau figurbewusst, möchte in Schönheit altern, mag Parfum, Essen, Wellness. Dies sind die neuen Werte des Mannes. Und der Pariser Parfümeur staunt, wie die modernen Männer ihre feminine Seite leben, sich pflegen une schön machen. «Selbst Homosexuelle gehen micht so weit».

Auch für Sylvie Raphoz stellt die Benutzung von Parfum die heterosexuelle Virilität nicht in Frage. «Es gibt bei den Nischenparfums extrem virile Düfte». Baudelaire von Byredo ist berauschend une sehr männlichFrench lover von Frédéric Malle ist ebenfalls ein wunderbar männliches Parfum. Düfte auf Basis von Weihrauch, Sandelholz und Leder wie Cuir ottoman von Parfum d'Empire sind unglaublich maskulin. «Ich lasse mich von Düften tragen, die mich anziehen», sagt Blaise-Alexandre Le Comte. Iris poudre von Frédéric Malle oder Equistrius von Parfum d'Empire sind zwar eher für Frauen konzipiert, aber wundershön am Abend beim Zubettgehen.

Wie wählt man ein Nischenparfum?
«Wirkliche Ausnahmesituationen ausgenommen, sollte man nie sofort entscheiden, ob man ein Parfum mag oder nicht», empfiehlt Blaise-Alexandre Le Comte. «Man muss es quasi domestizieren, indem man mehrere Tage den Papierstreifen beschnuppert. Denn zwischen dem Parfum und dem Träger findet eine echte Begegnung statt. Es lässt sich nicht voraussagen, wie sich der Duft auf der Haut entwickeln wird». Parfum erzählt eine Geschichte, die mit den Kopfnoten beginnt, die sich als Erste verflüchtigen. Weiter geht sie mit den Herznoten, die ein paar Stunden halten, und schliesslich mit den Basisnoten, die, so erklärt der Perfumista, durchaus einige Tage halten können. Auch der Name des Parfums erzählt eine Geschichte. Cuir mauresque erinnert an die orientalische Vision des Parfümeurs Serge Lutens. Bei dieser Art Parfum braucht es nur wenige Tropfen. «Auch sollte man im Laufe des Tages nicht nachsprühen, denn so unterbricht man die natürliche Evolution, da sich die Kopfnoten auf die Basisnoten legen», rät der Duftfachmann.

Cette traduction de l'article, Quand les hommes se mettent au parfum, est parue dans le trimestriel F&W Luxe, du 22 juin 2011.